Straßennamen sind Wegweiser in die Vergangenheit

Bottroper Adressen spiegeln Stadtgeschichte wider
Drei Menschen vor einem Straßenschild

Großbildansicht Anette Antonin (v.l.), Achim Petri und Heike Biskup kennen die Geschichte der Straßennamen.

806 gibt es von ihnen derzeit in Bottrop. Ihre Gesamtlänge beträgt 568 Kilometer. Die Kürzeste ist nur 47 Meter lang (Färberweg), die Längste erstreckt sich über 13,75 Kilometer (Alter Postweg). Seit 1895 werden die Straßen in unserer Stadt auch benannt. Doch wie kommt eine Straße zu ihrem Namen und wir zu unserer Adresse?

Die Benennung von Straßen, Wegen und Plätzen ist ureigene kommunale Aufgabe und in der Stadtverwaltung beim Vermessungs- und Katasteramt angesiedelt. Dessen Leiter Achim Petri erklärt: "Die Straßenbenennung erfolgt üblicherweise im Rahmen der Erschließung eines neuen Baugebietes. Vorschläge für Straßennamen kann dabei jeder Bürger an die zuständige Bezirksvertretung oder unser Amt richten."

Die Straßennamen sind in der Regel aus den Bereichen Fauna und Flora (Amselweg, Tannenstraße) abgeleitet, lehnen sich an Städtenamen (Berliner Platz) an oder greifen Flurbezeichnungen (Am Kuhberg, Brandenheide) auf und haben einen topografischen Lagebezug (Am Schölzbach, Emscherstraße). Auch die Ortsgeschichte (Am Pferdemarkt, Plaggenbahn) und Handwerkszweige (Tuchmacherstraße, Sattlerweg) haben Einfluss. Oft verweisen die Straßennamen auf Einrichtungen (Gerichtsstraße, Poststraße) oder bedeutende Personen (Friedrich-Ebert-Straße, Mozartstraße).

"Straßen dürfen grundsätzlich nur nach bereits verstorbenen Personen benannt werden, die sich besonders um die Stadt verdient gemacht oder ungewöhnliche Leistungen in Kultur, Wissenschaft, Politik oder Sozialwesen erbracht haben", erklärt die zuständige Sachbearbeiterin Anette Antonin eine Richtlinie bei der Namensvergabe. Weitere Regeln nach Ratsbeschluss vom 24. Februar 2000 sind: "Die Anzahl der Straßennamen ist gering zu halten. Jeder Straßenname darf nur einmal vorkommen. Der Straßenname soll möglichst klar und einprägsam sein."

Ein Sonderfall ist die Umbenennung einer Straße aus Gründen der öffentlichen Sicherheit und Ordnung, wobei die Anwohner der "Neutaufe" zwingend zustimmen müssen. Achim Petri nennt ein paar Beispiele aus den letzten Jahren: "Die Straße Im Breil heißt heute in den Höfen. Ein Teil der Straße Am Kruppwald wurde in Hermann-Gebauer-Platz umbenannt. Aus der Straße Im Bruch wurde die Müllerstraße, aus der Straße Am Vorthbach die Brabus-Allee."

Straßenumbenennungen in größerem Maßstab hat es ansonsten im Rahmen der kommunalen Gebietsreform gegeben, weil insgesamt 33 Straßennamen in Alt-Bottrop und Kirchhellen doppelt existierten bzw. fünfmal die gleiche Person geehrt wurde. In Folge wurden in Alt-Bottrop 15 Straßen(abschnitte) neu bezeichnet, in Kirchhellen waren es 23. Achim Petri: "In Alt-Bottrop wurde beispielsweise aus der Antoniusstraße die Straße An Liebfrauen, aus der Raiffeisenstraße die Ernst-Ender-Straße, aus dem Kreuzkamp die Gladbecker Straße, aus der Hohe Heide die Heimannstraße und aus der Gartenstraße der Ahornweg. In Kirchhellen wurde die Buchenstraße in Am Schleitkamp umgewandelt, der Westring in den Blaufärberweg, die Gladbecker in die Rentforter Straße, die Knappen- in die Schmiedestraße und die Hermann-Löns-Straße in die Straße Am Feuerwachturm."

Viele Straßenneubezeichnungen hat es auch durch die NS-Zeit und dann wieder korrigierend danach gegeben, wie Stadtarchivarin Heike Biskup weiß: "Die heutige Gerichtsstraße hieß vor der NS-Zeit Wilhelmstraße und nach 1938 Admiral-Graf-Spee-Straße. Die Blumenstraße wurde von den Nazis in Admiral-Scheer-Straße umbenannt, die Friedrich-Ebert-Straße in Adolf-Hitler-Straße. Die Brauer-Kaiserstraße, wie sie zunächst hieß, wurde zur Bismarckstraße, um dann heute Brauerstraße zu heißen." Der Rathausplatz sei gleich 1933 in Horst-Wessel-Platz umetikettiert worden. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde zunächst wieder die Bezeichnung Rathausplatz aufgegriffen, bevor der Bereich 1988 mit Blick auf den verstorbenen, langjährigen Oberbürgermeister Ernst-Wilczok-Platz "getauft" wurde.

Es gibt allerdings auch die Fälle, wo in den vergangenen Jahren die Änderung eines Straßennamens in Rede stand, aber nicht vollzogen worden ist. Dies gilt für die Loewenfeld- und die Karl-Peters-Straße wegen Verstrickung der angesprochenen Personen in historisch betrachtet negative Entwicklungen sowie für die Kirchhellener Straße und die Schützenstraße. Bei Letzteren sollte eine Doppelung aus der Welt geschafft werden bzw. wollte die Sparkasse den unteren Teil der Schützenstraße gerne nach einer bedeutsamen Person aus dem Finanzwesen benannt wissen. In der Regel haben die betroffenen Anwohner die jeweilige Straßenumbenennung aber abgelehnt. Für viele war der "Leidensdruck" am bisherigen Straßennamen nicht groß genug, um die nicht unwesentlichen (finanziellen) Folgen der neuen Adressvergabe zu akzeptieren und zu tragen. Bisher ist lediglich eine Umbenennung auf Antrag der Anwohner zum Tragen gekommen: der Schrullenkamp wurde im Jahr 1973 in Im Brinkmannsfeld umbenannt.

(29.07.2008)



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