"Eine Zeitbombe tickt"

Behandlung des "Gedächtnisses" der Stadt notwendig
Zwei Frauen

Großbildansicht Heike Biskup (links) und Sabrina Heumüller kämpfen gegen den Zerfall historischer Dokumente.

"In allen Archiven tickt eine Zeitbombe - langsam, aber stetig", beschreibt Stadtarchivarin Heike Biskup den Umstand, dass das "Gedächtnis" der Stadt zwar nicht unter Alzheimer, jedoch unter einer anderen Form des Vergessens leidet: Holzschilfhaltiges Papier aus den Jahren 1840 bis 1970 versauert so stark, dass dadurch ein Zerfallsprozess einsetzt, an dessen Ende die völlige Auflösung der Dokumente steht.

Eine Möglichkeit, mit dieser Entwicklung umzugehen, ist, die betroffenen Archivbestände auf andere Datenträger zu ziehen. Wie dies in Bottrop beispielsweise schon mit der weitgehenden Verfilmung der alten Zeitungsbestände geschehen ist. Eine andere Vorgehensweise, die einen Erhalt der Dokumente im Original möglich macht, ist nach Aussage von Sabrina Heumüller eine "Generationen-Aufgabe". Die Fachfrau vom Westfälischen Archivamt in Münster erläuterte jetzt bei einer Pressekonferenz das maschinelle Verfahren, in dem in einem chemischen Prozess das säurehaltige Papier neutralisiert und gesichert wird.

Zunächst wird vor Ort ein gewisser Bestand gesichtet. "Wir messen mit einem 'PH-Meter' vor Ort den Säuregrad der in Rede stehenden Publikation", beschreibt Sabrina Heumüller den ersten Schritt. Alles, was im PH-Wert unter 7 sei, stehe im Focus. Akten mit einem Wert zwischen 3 und 4 müssten sofort behandelt werden. Dokumente unterhalb der Schwelle 2 seien nicht mehr zu retten. Nach der Sichtung beraten sich die Fachleute des Archivamtes mit den vor Ort zuständigen Archivaren über das weitere Vorgehen, dass mit der Weitergabe des zu behandelnden Materials durch das Münsteraner Amt an eine Spezialfirma in Leipzig fortgeführt wird. In der sächsischen Landeshauptstadt werden die Dokumente aufbereitet und der jeweilige Bestand zusätzlich elektronisch katalogisiert.

Rettung nur mit Landeszuschüssen möglich

altes Kassenbuch

Großbildansicht Säurehaltiges Papier droht in den Archiven zu zerfallen.

Für viele Städte ist dieser Aufwand, der mit Kosten von 24,50 Euro pro Kilo Material zu Buche schlägt, nur zu tragen über eine Landesförderung. Die Landesregierung NRW unterstützt die Anstrengungen der Archive gegen die Zerfallsprozesse durch die bis 2010 laufende "Landesinitiative Substanzerhalt" - nicht allein mit der Bereitstellung von Fachpersonal wie Sabrina Heumüller, die im vergangenen Jahr extra dafür angestellt worden ist. Es werden auch die Aufwendungen für das eigentliche Behandlungsverfahren bis zu 70 Prozent bezuschusst.

In einem ersten Test hat das Bottroper Stadtarchiv vor einigen Wochen 33 Akten zur Entsäuerung gegeben, erläuterte Archivarin Heike Biskup jetzt bei der öffentlichen Präsentation. Der finanzielle Aufwand für den 30-Prozent-Anteil betrug für die Stadt 350 Euro und wurde aus dem laufenden Etat des Kulturamtes abgezweigt. Bei dem bearbeiteten Material handelt es sich unter anderem um den städtischen Haushaltsplan aus dem Jahr 1852 oder die Dokumentation des Verwaltungsverfahrens zur Trennung Kirchhellens von Bottrop aus dem Jahr 1858.

"Vor uns liegt noch eine wahre Sisyphos-Arbeit, denn wir haben tausende von Akten an unseren Archivstandorten an der Osterfelder Straße (im Keller der ehemaligen Woolworth), am Josef-Albers-Gymnasium und im Kulturzentrum. Wie viele es genau sind, wissen wir gar nicht, weil noch nicht alle Bestände grundsätzlich gesichtet sind", betont Heike Biskup. Alles Material werde man wohl nicht halten können, schwant der Stadtarchivarin. Sie hofft, fast alles bis etwa 1950 retten zu können. "Für die Zeit danach werden wir wohl Auswahlen treffen müssen", so Biskup. Auswahlkriterien seien generell die Einzigartigkeit von Dokumenten und die historische Bedeutung der jeweiligen Zeit, etwa die Periode der Nazi-Zeit mit ihren Auswirkungen in Bottrop.

Die Aufgabe des Kulturamtes sieht dessen stellvertretender Leiter, Gerd Heinemann, in einer weiteren kontinuierlichen Sichtung der Bestände, in Zielformulierungen mit Blick auf die politische Debatte und Etatposten-Beschreibungen zu weiteren Behandlungsaktivitäten für die Haushaltsberatungen des kommenden Jahres. Bemühen wolle man sich auch, das wichtige Engagement zur Bestanderhaltung Sponsoren schmackhaft zu machen beziehungsweise an in Bottrop vertretene Stiftungen heranzutreten. "Aber auch jedes private Mittun, jede Bürgerspende ist natürlich gerne gesehen", hofft Gerd Heinemann. Ansprechpartnerin im Stadtarchiv ist Heike Biskup unter Telefon 70 3755.

(24.07.2008)



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